Erfahrungsbericht zum Workshop in Tel Aviv

Vom 6. bis 12. März reisten wir zu einem einwöchigen Workshop nach Jaffa, einem Stadtteil von Tel Aviv. Es ist meine erste Reise in das krisengeschüttelte Israel, dementsprechend groß ist meine Neugier. Ich versuche mir vor der Abreise im Internet und im Reiseführer noch wichtige Informationen über dieses Land anzulesen.

Schon die spezielle Befragung  jedes Einzelnen von  uns am Flughafen machte deutlich, dass es sich um ein konfliktreiches Reiseziel handelt, das spezielle Sicherheitsvorkehrungen nötig macht. Doch ankommend in dem alt ehrwürdigen Stadtteil Jaffa, wo das kleine Theater malerisch auf einem Hügel direkt am Meer liegt, läßt sich scheinbar nichts von dem ahnen, was das Land so umtreibt.

Es  soll ein erstes Treffen zum Kennenlernen mit unseren israelischen und palästinensischen Kollegen werden. Unser Schauspieldirektor,  Bernhard Stengele, versteht es sehr gut, unsere Scheu und Unsicherheit vor dem anderen zu nehmen, indem er gleich loslegt und zwar mit leichten Körper- und Stimmübungen, die zunächst niemanden überfordern und unter Leistungsdruck stetzen. Keiner muß etwas unter Beweis stellen oder vorführen. So entsteht eine entspannte Atmosphäre, in der jeder spielerisch auch mit einem neuen Schwierigkeitsgrad der Übungen umgehen lernt und sich  improvisatorisch  immer kreativer einbringen kann. In sehr kurzer Zeit gelingt uns ein gemeinsames Singen in verschiedenen Sprachen, wir sind Schauspieler aus sechs verschiendenen Nationalitäten. Als ich uns alle sogar hebräisch und arabisch singen höre, spüre ich eine unglaublich friedvolle Harmonie, die mich zu Tränen rührt, ich kann es nicht fassen, dass es möglich ist, denn mir schwirren  Bilder von negativen Schlagzeilen und dem Holocoust im Kopf rum.

In den nächsten Tagen nutzen wir die vertraute Stimmung, uns tiefer an das Thema von Diskriminierung und Voruteilen zu wagen. Die Gangart der Übungen wird intensiver, sie geht bis zur körperlichen Erschöpfung, die uns auch eigene seelische Verletzungen und Wut aufspüren lassen sollen. Wir thematisieren, dass die Ambivalenz der menschlichen Gefühle auch uns unter entsprechenden Voraussetzungen zu Tätern machen könnte.

An einem Abend verabreden wir uns mit Mohammad, unserem palästinensischen Musiker. Er erzählt  die Geschichte  seiner Vorfahren und führt uns an Orte und Plätze , wo sie von den Israelis nach dem zweiten Weltkrieg in die Flucht geschlagen wurden. Noch heute geht er jeden Tag an den Strand, um die Steine der zerstörten Häuser der vertriebenen Palästinenser aus dem Meer zu fischen. Er möchte das erlittene Unrecht nicht in Vergessenheit geraten lassen. Es wird nicht unsere letzte Begegnung mit dieser traurigen Wahrheit sein. Mit  seinen Feunden organisierte er eine wunderbare Überraschung, indem sie für uns direkt am Meer einen Tisch deckten mit köstlichen Speisen. So ist das gemeinsame Essen auch immer eine großartige Botschaft der Versöhnung und eine Chance gegenseitiges Gespäches.

Diesen Austausch vertieften wir  in den drauffolgenden Tagen und mußten erleben, dass der israelisch-palästinensische  Konflikt jedem von ihnen bis in den heutigen Tag  schmerzvoll unter der Haut brennt. In einer Gesprächsrunde wollte uns ein  israelischer Kollege  gerade ein Erlebnis anvertrauen, das er noch niemandem erzählt hätte, da genügte ein Reizwort von ihm, das Mißverständnisse auslöste und eine palästinensische Schauspielerin fuhr ihm unter Tränen  sehr emotional ins Wort. Fassunglos sahen wir deutschen Schauspieler zu, wie sich plötzlich aus dem Nichts ein hitziger zum Teil aggressiver Disput entspann, in dem man merkte, hier haben beide Seiten   tiefe Verletzungen und Verluste  im Herzen. Ein maßvolles und verständnisvolles Einlenken von Seiten Stengeles, dem Musiker Mohammad und der Autorin führten zur Beruhigung der Situation. Jedem sollte die Möglichkeit eingeräumt werden, seine Geschichte zu Ende zu erzählen, auch wenn es wehtut. Das bedeutet vor allem, dass wir die Regeln des Zuhörens respektieren müssen, nur so werden wir die Chance haben, die Argumente des jeweils anderen auch zu verstehen.

Nun wurde mir deutlich, dass die friedliche Idylle in Jaffa auch täuschen kann. Hier leben nach politischem Standpunkt eigentlich Feinde miteinander.  Noch klarer wurde uns der Nahostkonflikt, als wir in den Westbanks ein palästinensisches Flüchtlingslager besuchten. Eine riesige Mauer trennt die palästinensischen Flüchtlinge von den israelischen Siedlern. Sie müssen auf engstem Raum bei ständig wachsender Zahl von Nachkommen leben und sind oft der Willkür der israelischen Besatzungsmacht ausgestzt, die jeder Zeit Strom- und Wasserzufuhr sperren können. Angst und Schrecken sind die Flüchtlinge durch nächtliche Verhaftungen und Kontrollen ausgesetzt. Bei meiner  näheren Recherche merke ich, wie komplex, wie schwierig dieser Konflikt zu verstehen ist , der weit in die Geschichte zurückreicht. Die Grenzen von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld scheinen sich ständig zu verwischen  und als Außenstehender steht uns kein wirkliches Urteil zu, wir müssen akzeptieren,   neutrale  Beobachter sein.

Die internationale Zusammenarbeit für dieses deutsch-israelische Projekt bleibt eine große Herausforderung.  Ich  wünsche uns allen an dem Projekt Beteiligten, dass wir  dem gerecht werden und eine angemessene künstlerische Form  finden, um dies  verantwortungsvoll darzustellen.

Mechthild Scrobanita

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